Ein einem Offenen Brief an die TenneT TSO GmbH fordert Cenk Gönül, Fraktionsvorsitzender Freie Wähler Reichelsheim und Kreistagsmitglied im Wetteraukreis, die Klärung von offenen Fragen zu geplanten Umspannwerk in der Wetterau.
"Sehr geehrte Damen und Herren der TenneT TSO GmbH, mit großem Interesse und zugleich wachsender Sorge verfolgen wir die Planungen rund um das von Ihnen vorgesehene Umspannwerk in der Wetterau. Angesichts der weitreichenden ökologischen, ökonomischen und sozialen Auswirkungen des Vorhabens halten wir eine umfassende, transparente und frühzeitige Aufklärung sowie Beteiligung der Öffentlichkeit für unverzichtbar. In diesem Zusammenhang bitten wir Sie, folgende Fragen umfassend und nachvollziehbar zu beantworten:
A. NOTWENDIGKEIT, DIMENSIONIERUNG & ALTERNATIVEN
- Welche konkreten netztechnischen Engpässe rechtfertigen exakt diesen Standort und diese Dimensionierung (ca. 30 ha) in der Wetterau?
- Welche Standortalternativen (z. B. Industrie- oder Konversionsflächen, bestehende Umspannwerke, Kuppelstellen) wurden konkret untersucht – nach welchen Kriterien, mit welchen Ergebnissen und warum wurden sie verworfen?
- Wurde die Möglichkeit einer Mehrstandort- oder modularen Lösung geprüft, um die Flächeninanspruchnahme an einem Punkt zu reduzieren?
- Welche Rolle spielt das geplante Umspannwerk im Netzentwicklungsplan 2037/2045 (z. B. in Bezug auf Leistungsdaten, Netzknotenfunktion, Einbindung von Einspeisern oder Abnehmern, zugrunde gelegte Szenarien)?
- Gibt es technologische Alternativen (z. B. gasisolierte Schaltanlagen – GIS – oder Hybridlösungen), die den Flächenbedarf erheblich reduzieren könnten?
B. FLÄCHENBEDARF, BODENSCHUTZ & LANDWIRTSCHAFT
- Wie wurde die Bodenwertigkeit (z. B. Ackerzahl, Bodenwertzahl) am Standort erfasst und in der Entscheidungsfindung berücksichtigt?
- Wurde eine Null- oder Minimierungsvariante der Versiegelung in Betracht gezogen (z. B. durch Aufständerungen, reduzierte Baukörper, multifunktionale Nutzung)?
- Warum sollen gerade einige der fruchtbarsten Ackerflächen Deutschlands genutzt werden – statt alternativer Flächen mit schlechterer Bodenqualität?
- Wie viele landwirtschaftliche Betriebe sind direkt und indirekt betroffen (z. B. durch Pacht- oder Eigentumsflächen, Flächenzusammenhänge, Bewirtschaftungslogistik)?
- Welche langfristigen Einschränkungen entstehen für die landwirtschaftliche Nutzung (z. B. durch Zufahrten, Leitungsrechte, Ausgleichsflächen auf zusätzlichen Ackerflächen)?
C. ENTSCHÄDIGUNG & AUSGLEICH
- Nach welchem Modell sollen Eigentümer und Bewirtschafter entschädigt werden (z. B. Kauf, Pacht, Einmalzahlungen, wiederkehrende Zahlungen)?
- Auf welcher Bewertungsgrundlage erfolgt die Entschädigung – und wie wird eine faire, existenzsichernde Kompensation sichergestellt (nicht bloß pauschale „2–3 €/m²“-Modelle)?
- Gibt es Beteiligungs- oder Gewinnbeteiligungsmodelle für betroffene Kommunen und Landwirte (z. B. Standortdividende, laufende Netzentgelte, regionale Fonds)?
- Wie werden Produktionsausfälle, Bewirtschaftungsumwege und erhöhte Betriebskosten nachhaltig und angemessen abgegolten?
- Welche Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen sind vorgesehen – und wird dafür erneut hochwertige Ackerfläche in Anspruch genommen?
D. UMWELT, WASSER, KLIMA & GESUNDHEIT
- Welche Auswirkungen hat das Projekt auf den Grundwasserschutz, die Trinkwassergewinnung, Retentionsflächen sowie Bodenerosion?
- Welche Emissionen (z. B. elektromagnetische Felder, Lärm, Licht) sind zu erwarten – und welche Schutzmaßnahmen sind geplant?
- Wird eine vollständige Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) mit Variantenvergleich durchgeführt?
- Wie wird der CO₂-Fußabdruck des Projekts (inkl. Bau, Betrieb, Versiegelung) bilanziert und kompensiert?
- Welche Biodiversitäts- und Agrarökosystemleistungen gehen verloren – und wie werden diese bilanziert bzw. ersetzt?
E. VERFAHREN, TRANSPARENZ & BÜRGERBETEILIGUNG
- Welche Planungs- und Genehmigungsschritte sind vorgesehen (inkl. Zeitplan und Meilensteine)?
- Wann und wie werden Bürger_innen, Landwirt_innen und kommunale Gremien verbindlich beteiligt (Formate, Fristen, Unterlagen)?
- Welche Gutachten, Lastflussberechnungen und Standortberichte stellt TenneT der Öffentlichkeit zur Verfügung?
- Wie wird Transparenz bei der Standortentscheidung sichergestellt (z. B. durch Scoring-Matrix, Bewertungsparameter, Gewichtungen)?
- Wie wird gewährleistet, dass neue technische oder planerische Erkenntnisse während des Prozesses berücksichtigt und in ein „lernendes Verfahren“ integriert werden?
F. WIRTSCHAFTLICHKEIT & LASTENVERTEILUNG
- Wie hoch sind die Gesamtinvestitionskosten (inkl. Leitungsanbindung, Ausgleichsmaßnahmen, Erschließung) – und wer trägt diese?
- Welche konkreten wirtschaftlichen Vorteile erzielt die Region Frankfurt/Rhein-Main – und welche dauerhaften Belastungen verbleiben bei der Wetterau?
- Welche Regelungen gelten bei Kostensteigerungen, Planungsverzögerungen oder Fehlplanungen (Risikopuffer, Haftungsfragen)?
G. BETRIEB, SICHERHEIT & RÜCKBAU
- Welche Sicherheits- und Notfallkonzepte sind vorgesehen (z. B. bei Brand, Havarien, Extremwetter)?
- Wie ist der Rückbau am Lebensende geregelt – wer trägt die Verantwortung für die Finanzierung und Wiederherstellung der Bodenqualität?
Fazit: Die Bürgerinnen und Bürger der Wetterau, insbesondere die Landwirtinnen und Landwirte sowie die kommunalen Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger, verdienen vollständige Transparenz und nachvollziehbare Antworten auf diese grundlegenden Fragen. Ein Projekt dieser Tragweite muss im Dialog mit der Region entstehen – und nicht gegen sie. Wir bitten Sie um eine zeitnahe, schriftliche Stellungnahme zu den oben genannten Punkten und stehen für einen offenen Austausch jederzeit zur Verfügung."
Cenk Gönül
Fraktionsvorsitzender Freie Wähler Reichelsheim
Kreistagsmitglied Wetteraukreis
Hinweis der Redaktion: Die Redaktion behält sich vor, Leserbriefe zu kürzen oder nicht zu publizieren. Online eingesandte Leserbriefe werden nicht direkt veröffentlicht, sondern zuerst von der Redaktion geprüft. Leserbriefe sind immer mit dem Namen und der Anschrift des Autors zu versehen und spiegeln die Meinung des oder der Autoren wider. Die E-Mail-Adresse zur Einsendung von Leserbriefen lautet Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
PS: Sind Sie bei Facebook? Werden Sie Fan von WETTERAU.NEWS!
