Der Startschuss für die Erdarbeiten auf dem Gelände des ehemaligen Kaufhauses Joh in Friedberg ist gefallen. Um Platz für die geplanten Abbrucharbeiten zu schaffen, musste eine Trafostation, die die Energieversorgung der Innenstadt sicherstellt, verlegt werden. Nachdem diese an ihren neuen Bestimmungsort versetzt und in Betrieb genommen wurde, und die Kampfmittelortung das Gelände freigegeben hat, kann das Bauvorhaben nun fortgeführt werden.
„Friedberg hat eine reiche Geschichte. Besonders in der Altstadt muss man auf einiges gefasst sein“, weiß Kars-ten Schminke, Projektleiter der Werkmann Unternehmensgruppe. „Bei der Neugestaltung des Elvis-Presley-Plat-zes direkt vor dem einstigen Kaufhaus wurden römische Artefakte gefunden“. Eine archäologische Baubeglei-tung durch die Denkmalpflege für den Bereich parallel zur Schnurgasse war die logische Folge. Seit Anfang Sep-tember wurde der Boden hier Schicht für Schicht abgetragen.
Das von der Werkmann-Gruppe beauftragte Team vom Freien Institut für Angewandte Kulturwissenschaften (FIAK) unter Leitung von Dr. Ida Faulstich-Schilling hat zwischenzeitlich bis auf eine Tiefe von 2,40 Metern nach historischen Hinterlassenschaften gesucht. Für Projektleiter Karsten Schminke ist dies bereits das zweite große Bauprojekt, das von archäologischen Untersuchungen begleitet wird. „Auch 2018 haben wir beim benachbarten Bauvorhaben Haagstraße 9 mit einem Team des FIAK Cottbus zusammengearbeitet“, berichtet Karsten Schminke.
Am Rand des Baufeldes hatten Friedberger Bürgerinnen und Bürger die Möglichkeit, live zu verfolgen, wie die archäologischen Befunde freigelegt und dokumentiert wurden. Als erstes waren die Keller der Vorgängerbauten sichtbar. In den oberen Sedimentschichten kamen z.B. grobe rostige Metallteile zum Vorschein. Projektleiter Schminke ist mit einigen Neugierigen ins Gespräch gekommen: „Eine Nachbarin erinnerte sich, dass hier früher eine Schmiede Wandschmuck herstellte, bevor das Gelände neu bebaut wurde.“
Dr. Jörg Lindenthal, Kreisarchäologe des Wetteraukreises, besucht die Baustelle regelmäßig. Er betont, „dass durch die gute Zusammenarbeit aller Projektbeteiligten, die rechtzeitigen Gespräche und Planung die archäolo-gischen Untersuchungen gut in den zeitlichen Ablauf der Arbeiten eingepasst werden konnten“. Weiter weiß der Experte zu berichten, dass bereits bei Errichtung der ehemaligen Trafostation unter der letzten Bebauung ältere Strukturen erhalten waren.
Archäologische Strukturen unwiederbringlich zerstört
Neben zahlreichen modernen Bodeneingriffen und Fundamentresten konnten bisher spätmittelalterliche bzw. frühneuzeitliche Mauerstrukturen erfasst werden, erläuterte Grabungsleiter Maurice Komm auf Nachfrage. Spu-ren einer römischen Bebauung des Geländes zeigten sich bisher nicht. Die bisher dokumentierten Befunde und die Erhaltungstiefe zeigen leider auch, dass wohl spätestens bei der Errichtung des Kaufhauses der größte Teil der archäologischen Strukturen in diesem Bereich zerstört wurde.
Vorgesehen ist, noch bis auf 3,40 Meter Tiefe weiter zu graben. Zunächst wird allerdings Anfang November ein partieller Verbau im Bereich der Schnurgasse nötig, um die Stabilität der Baugrube zu gewährleisten. Sobald die archäologischen Untersuchungen im Bereich der Schnurgasse abgeschlossen sind, folgt der nächste Meilenstein: die Vorbereitung des Abbruchs des ehemaligen Kaufhauses. Der Abbruchantrag wurde gestellt und wird derzeit vom Bauamt bearbeitet.

Vorsichtiges Arbeiten unerlässlich: Hier wird nur ausgehoben, was die Grabungsleiter Maurice Komm freigegeben hat. Foto: Karsten Schminke

Hier ist archäologische Feinarbeit gefragt, mit kleinem Gerät wird nach Artefakten gesucht. Foto: Karsten Schminke

Aus der Vogelperspektive werden alte Strukturen sichtbar. Historische Gruben wie links unten zu sehen (kreisrund), sind im wahrsten Sinne „Fundgruben“ für die Archäologen. Foto: Maurice Komm, FIAK
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